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Premiere

Ich mag Premieren als Besucherin, definitiv. Roter Teppich, schicke Kleider, Sekt und Brezeln, Aufregung in der Luft. Von der anderen Seite gesehen ist es anders: Premieren wackeln. Man spielt zum ersten Mal einen neuen Zeitablauf durch, eventuell mit einer neuen Besetzung, neuen Stücken, einem unbekannten Ort. Alles fühlt sich etwas schwummerig an. Während das Publikum dieses Kribbeln genießt und in besagten schicken Klamotten durch das Foyer schwebt, raucht im Backstage-Bereich mein Chorleiterinnen-Kopf von Zeitplan, Verantwortung und den vielen, vielen, vielen Details. Als Sängerin ist es ein bisschen anders; ich bin mit Schminken beschäftigt, kaue ohne Appetit schnell noch ein paar trockene Mandeln, um auf der Bühne niemanden vor Hunger anzufallen, und lerne -verflixt- zum schier hundertsten Mal die drei Strophen von dem Lied auf Bulgarisch, die ich immer wieder vergesse. Mein Bulgarisch ist halt etwas eingerostet. Für Premieren ist das doof. Naja, wenn ich die Strophen schaffe, kriege ich dafür meistens einen Ablauf an anderer Stelle durcheinander. Das Publikum sagt hinterher immer treu „Davon haben wir gar nichts gemerkt“, das ist nett, aber davon bin ich hinterher kein bisschen weniger durchgeschwitzt.
Zwei Premieren habe ich im November für Euch und Sie. Erstmal kommt das KOZMIC TRIO in einer Neubesetzung, mit dem großartigen Perkussionisten und Schlagzeuger Jaime Moragas, in die Villa Rü (9.11.2025). Jaime badet genüsslich und charakterstark in unserem folkloristischen Programm aus 7/8- und 11/16-Rhythmen. Diese Freude an Rhythmus spürt man bis in die letzten Reihen, und sie steckt auch mich vollends an.
Dann tun die URBAN VOICES endlich mal das, was sie schon lange hätten tun sollen, und das als Abschluss des betriebsstärksten Jahres ihrer gesamten Historie: Sie singen ein ganzes Konzert alleine, als ein einziger Chor (15.11.2025). So selbstverständlich ist das gar nicht, denn wer von einem Stück „Hmmmm-dep-dep-dedep-dedep-for-we-are-glorious“ und ähnlich sinnfreie Wortkombinationen in allen Tonhöhen für EIN Stück auswendig lernen kann, kann es noch lange nicht für ein ganzes Konzertprogramm. Die URBAN VOICES können es allerdings! Und egal, was passiert, hier ist schon mal der Text für das treue Publikum: „Wir haben gar nicht gemerkt, dass da was schiefgegangen ist.“

3. November 2025